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Пресс-релиз
07.06.2008
RUS/DEU
«Litauen und Deutschland im
Kontext der EU-Integration»
Seit 2004 gehört Litauen der Europäischen Union (EU) an, 2007 tritt es dem
Schengener Abkommen bei und bleibt trotzdem für viele in Deutschland
unbekannt. Dennoch sind die bilateralen Beziehungen zwischen Litauen und
Deutschland äußerst vielschichtig. Ein verbindender Faktor war seinerzeit
die gemeinsame deutsch-litauische Grenze1. So ist es aus diesem Blickwinkel
nicht verwunderlich, dass Litauen eifrig danach strebt, sich seit den 90er
Jahren des letzten Jahrhunderts in den westlichen Kontext einzubringen,
indem es unter anderem auch die deutsch-litauischen Gemeinsamkeiten
unterstreicht.
Als Beispiel gilt es die westlitauische Hafenstadt Klaipeda zu erwähnen, die
bis 1923 unter dem Namen Memel zu Deutschland gehörte. In Übereinstimmung
mit dem Friedensvertrag von Versailles von 1919, wurde Deutschland gezwungen
die Stadt abzutreten. Das architektonische Antlitz der Stadt spiegelt den
preußischen Einfluss immer noch wider. Einrichtungen, wie der Verein der
Deutschen in Klaipeda, die bilinguale Schule sowie das "Forschungszentrum
für westlitauische und preußische Geschichte" der dortigen Universität
erhalten die Beziehung zur deutschen Kultur weiterhin aufrecht. Spuren des
deutschen Einflusses lassen sich auch in Kaunas finden, wo Deutsche an der
Christianisierung der Bevölkerung und an dem Bau des Stadtzentrums
partizipierten. Selbstverständlich darf in diesem Zusammenhang auch Vilnius
nicht vergessen werden. Dort befinden sich für den kulturellen Austausch
zwischen Deutschland und Litauen wichtige Einrichtungen, wie beispielsweise
das Goethe-Institut2.
Die gegenwärtigen Beziehungen zwischen Deutschland und Litauen spielen sich
vorrangig im Rahmen gewöhnlicher internationaler Zusammenarbeit ab. Sie
werden, in der Regel, durch die europäische Gesetzgebung und zweiseitige
Abkommen definiert, so zum Beispiel das Doppelbesteuerungsabkommen und den
Investitionsförderungs- und -schutzvertrag3.
Laut den Angaben der Bundesagentur für Außenwirtschaft, nimmt Deutschland
den zweiten Platz im Rating litauischer Handelspartner ein, direkt nach
Russland4. Das stabile Wachstum der litauischen Wirtschaft (2006: 7,7%; 2007:
8,8%; Prognose für 2008: 8,1%) wirkte sich positiv auf den
deutsch-litauischen Handel aus. 2007 lag der Importumfang aus Deutschland
bei 14,9% (Russlands bei 18,2%), was Deutschland zum Haupthandelspartner
nach Russland macht. Im Exportbereich konnte Deutschland 2007 den dritten
Platz belegen (10,5%), nach Lettland (12,8%) und Russland (15%). Das
deutsche Auswärtige Amt informiert darüber, dass momentan offiziell rund
1.200 Unternehmen mit deutschem Kapital in Litauen registriert sind5. Die
Investoren beurteilen die Situation grundsätzlich positiv, bemerken jedoch
zugleich die negativen Auswirkungen des Fachkräftemangels und der
verhältnismäßig niedrigen Produktivität. Wie es zu erwaten war, führte die
EU-Erweiterung dazu, dass ein Großteil hochqualifizierter Arbeitskräfte nach
Großbritannien, Irland, Spanien, Schweden und in die USA migrierte6. Während
der letzten 18 Jahre verließen rund 400.000 Bürger das Land. Wenn man
bedenkt, dass Litauens Bevölkerung 3,3 Mio. Einwohner ausmacht, nimmt die
Emigrationsproblematik entscheidend an Bedeutung zu.
Einen wichtigen Beitrag zur gegenwärtigen Entwicklung Litauens leistet die
finanziell-ökonomische Unterstützung der EU.
Während seines Besuches der baltischen Staaten im Juli des vergangenen
Jahres, lobte Frank-Walter Steinmeier, der deutsche Außenminister, den
unglaublichen Aufschwung der baltischen Wirtschaft7. Die aktuellen Prognosen
verlangen jedoch mehr Nüchternheit, wenn es um die Bewertung ökonomischer
Prozesse in Litauen und den anderen osteuropäischer EU-Mitgliedsstaaten geht.
Laut den Voraussagen, sinkt das ökonomische Wachstum Litauens im Jahre 2009
auf 5,7%, wobei die Inflation auf 7,9% ansteigt und somit um 2,2% im
Vergleich zu 2007 zunimmt8. Außerdem
warnen der Internationale Währungsfonds und die Weltbank auch vor einem
konjunkturellen Rückgang infolge der jüngsten internationalen Finanzkrise. Verantwortlich für das sagenhafte
wirtschaftliche Wachstum in beinahe allen osteuropäischen
EU-Mitgliedsstaaten war die Binnennachfrage. Allerdings wurde der
wesentliche Teil des Konsums nicht durch steigende Löhne finanziert, die
vorrangig von der Inflation aufgefressen wurden, sondern durch eine
übermäßige Kreditierung. Die Gesamtsumme privater Darlehen nahm in den
baltischen Staaten im Jahre 2007 um 45% zu. Finanziert wurde sie vor allem
mit Hilfe westlicher, vorrangig skandinavischer, Banken. Die finanzielle
Krise wirkte sich entscheidend auf die Liquidität dieser Banken aus, was
sich wiederum auf die Konjunktur der Kreditnehmerländer auswirken wird9.
Neben der Etablierung auf dem internationalen Markt, strebt Litauen auch den
Status eines wichtigen Akteurs auf der politischen Arena Europas an. Mehr
als anderthalb Jahre blockierte Litauen die Gespräche über das neue
EU-Russland-Abkommen, vorrangig wegen den ungeklärten Fragen der
Energieversorgung seitens Russlands. „Aber es geht nicht nur um
Energiepolitik.“10 , -- erklärte Litauens Staatssekretär Tallat-Skelpsa
gegenüber dem Deutschlandfunk. Ebenso fiel die Frage nach den Mitarbeitern
der Staatsgewalt, die für den Tod von Menschen bei der Demonstration am so
genannten „Vilniusser Blutsonntag“ 1991 verantwortlich sind. „Russland ist
zur gegenseitigen Rechtshilfe verpflichtet, wenn es die Mitgliedschaft im
europäischen Rat erreichen will. Und es ist auch wichtig, dass sich Russland
an Gesetze hält, wenn es um Konflikte wie in Tschetschenien oder Moldowa
geht. Nicht nur aus moralischer Sicht, es liegt auch im Interesse der
nationalen Sicherheit Litauens.11"
Weiterhin, äußerte Litauen im März 2008 seine kritische Haltung gegenüber
den Plänen zum Bau der Ostsee-Pipeline zwischen Russland und Deutschland.
Die Pipeline sei, vor allem aus ökologischem Blickwinkel, nicht akzeptabel,
so der litauische Präsident Valdas Adamkus. Gegenüber der Neuen Osnabrücker
Zeitung sprach er zudem einen, an den ehemaligen Bundeskanzler Gerhard
Schröder adressierten, Vorwurf aus. Die Vorwürfe lauten wie folgt: Schröder
habe während seiner Amtszeit Fakten für die Pipelinerealisierung mittels
heimlicher Abmachungen geschaffen. „Wir fühlten uns durch Kanzler Schröders
Verhalten beleidigt“ 12, bekundete Adamkus.
Die Argumentation der Litauer bezüglich der Errichtung der Pipeline und
ihrer negativen Auswirkungen auf die Umwelt widerspricht allerdings ihrem
eigenen Verhalten. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Beitritt
Litauens zur EU war die Einwilligung zur Stilllegung des 30 Jahre alten
Atomkraftwerks Ignalina mit seinen Reaktoren des Tschernobyl-Typs im Jahre
2009. Heute versucht die litauische Regierung Brüssel davon zu überzeugen,
einen Aufschub für das Abschalten des zweiten Reaktors zu gewähren13. In den
Augen der litauischen Regierung sei ein mögliches Energieversorgungsdefizit
ein ernstzunehmender Grund für den Aufschub. Die durch den Reaktor
produzierte Energie macht zum heutigen Zeitpunkt mehr als ein Drittel des
Gesamtenergieverbrauches des Landes aus. Litauen fürchtet die Situation, in
der es in die Abhängigkeit von der russischen Energieversorgung gerät. Die
EU besteht aber wie gehabt auf der Einhaltung des Planes, indem sie darauf
hindeutet, dass die problematische Situation der Energieversorgung infolge
des Abschaltens des Reaktors in den Plänen berücksichtigt wurde. Aus diesem
Grunde wurden 900 Mio. Euro zum Zwecke der Reorganisation der
Energieversorgung bereitgestellt. Der Präsident der Europäischen Kommission,
José Manuel Barroso, kommentierte die Lage mit folgenden Worten: „Das
Stilllegungsdatum kann nur geändert werden, wenn dem jedes einzelne EU-Land
zustimmt. Das halte ich für unmöglich14.“
Mit der Ratifizierung des Vertrages von Lissabon im Mai 2008 bestätigte
Litauen erneut seinen europäischen Politikkurs. Deutschland signalisiert
seinerseits weiterhin Interesse hinsichtlich der Zusammenarbeit mit Litauen
in unterschiedlichen Sphären mit dem Bewusstsein, dass Litauen den Status
eines bedeutsamen politischen Faktors erhalten hat und in der Lage ist die
Europäische Union zu spalten, beispielsweise durch seine politischen
Beziehungen zu Russland, das wiederum ein unabdingbarer Partner der EU ist.
Zu erwarten ist auch, dass Litauen in Deutschland und in anderen
europäischen Staaten zukünftig an Popularität gewinnt. Vilnius ist nächstes
Jahr (nebst der österreichischen Stadt Linz) Kulturhauptstadt Europas.
Der wissenschaftlich-methodische Rat IISR «Vector»
Berlin – Vilnius, Mai – Juni 2008
1. Bis zum Zweiten Weltkrieg
2.Vgl.URL:http://www.mannheim.de/io2/download/Webseiten/Tourismus/Stadtinfo/Dokumente/klaipeda.pdf?disposition=inline
(03.06.2008); vgl. URL: http://www.lfpr.lt/uploads/File/2001-8/Leiserowitz.pdf
(03.06.2008)
3. Vgl. URL: http://www.dresdner-bank.de/dresdner-bank/economic-research/publikationen/_downloads/download-investitionsfuehrer/Litauen.pdf
(03.06.2008)
4. Vgl. URL: https://www.bfai.de/ext/anlagen/PubAnlage_4599.pdf
(27.05.2008)
5. Vgl. URL: http://www.diplo.de/diplo/de/Laenderinformationen/Litauen/Wirtschaft.html
(27.05.2008)
6. Vgl. ebd.; vgl. URL: http://www.eurasischesmagazin.de/artikel/?artikelID=20080414
(27.05.2008)
7. Vgl. URL : http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/AAmt/BM-Reisen/2007/Baltikum-Juli07.html#Inhalt
(29.05.2008)
8. Vgl. URL: https://www.bfai.de/ext/anlagen/PubAnlage_4599.pdf
(27.05.2008)
9. Vgl. URL: http://www.jungewelt.de/2008/04-19/009.php
(31.05.2008)
10. URL: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/europaheute/784629/
(28.05.2008)
11. ebd.
12. URL: http://www.focus.de/finanzen/news/litauen_aid_265326.html
(28.05.2008)
13. Der erste Reaktor wurde 2005 planmäßig stillgelegt.
14. URL: http://www.taz.de/1/zukunft/umwelt/artikel/1/vilnius-will-ignalina-behalten/?src=SZ&cHash=02bbb41e22
(29.05.2008)
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